Eine andere Form des Seins
Anlässlich der Internationalen Woche der Gehörlosen rücken auch wir die Geschichten gehörloser Mitarbeiter:innen im Haus der Barmherzigkeit in den Mittelpunkt. Sie zeigen, wie Vielfalt, Teilhabe und gegenseitiges Verständnis im Arbeitsalltag gelebt werden.
Weltweit richtet sich zwischen dem 21. und 27. September 2026 der Blick auf die Lebensrealitäten gehörloser Menschen. Die heute beginnende Aktionswoche macht auf die Bedeutung von Gebärdensprachen, Barrierefreiheit, Selbstbestimmung und die Rechte gehörloser Menschen aufmerksam. Sie schafft Raum für Begegnung, Austausch und mehr Bewusstsein für eine Gesellschaft, in der alle Menschen gleichberechtigt teilhaben können. Kenith Otamere, Wolfgang Hoffmann, Rita Hetzmaneder, Melanie Lauschke und Esma Bilir-Gök stellen sich vor.
Kenith Otamere arbeitet seit 2024 als Behindertenfachkraft bei HABIT – Haus der Barmherzigkeit Inklusionsteam. In seinem Arbeitsalltag begleitet er Kund:innen pädagogisch, pflegerisch und administrativ zum Beispiel bei der Alltagsbewältigung oder in der Zusammenarbeit mit Angehörigen, Therapeut:innen und Ärzt:innen. Dass er gehörlos ist, ist für seine Tätigkeit kein Hindernis. Die Kommunikation läuft oft visuell über Lippenlesen, aber auch über Lautsprache ab. „Bei Besprechungen oder Teamsitzungen habe ich eine:n Gebärdensprachdolmetscher:in, und auch schriftliche Protokolle machen die Informationen leichter zugänglich“, erklärt er. Als gehörloser Mitarbeiter hat Kenith ein feines Gespür für die nonverbale Kommunikation. Mit viel Erfahrung und Empathie achtet er besonders auf nonverbale Signale, Körpersprache und gewünschte Ausdrucks- und Kommunikationsformen der Kund:innen. „Es macht mir Freude, mit Menschen in Kontakt zu kommen – auch ohne Worte“, ergänzt er.

Gehörlosigkeit als Stärke
Seit über 30 Jahren sind auch in Wiener Neustadt zwei gehörlose Kolleg:innen fester Bestandteil des Teams. Wolfgang Hoffmann startete in den 90er-Jahren als Koch im Stadtheim und ist heute stellvertretender Küchenleiter bei SANA Catering. Die Kommunikation erfolgt schriftlich oder über Lippenlese und Gestiken. Seine Aufgabenbereiche wie Warenbestellungen, Planung und Vorbereitung der Speisen verrichtet er größtenteils autonom, sodass keine häufigen Abstimmungen nötig sind. Unterstützend gibt es ein Lichtsignal, beispielsweise bei der Ankunft von Lieferungen und bei einem etwaigen Feueralarm. „Bei Gesprächen mit dem Küchenleiter oder der Hausleitung bekomme ich eine:n Dolmetscher:in zur Verfügung gestellt. Das funktioniert gut, und unser Geschäftsführer Lukas Pohl hat sogar schon die eine oder andere Gebärde gelernt“, lacht Wolfgang. Lukas nickt: „Ich freue mich immer sehr, wenn ich bei den Begegnungen mit Wolfgang und Rita meine bescheidenen Kenntnisse der Gebärdensprache üben und ausbauen kann. Für mich ist das nicht nur eine Frage der Verständigung, sondern auch ein Ausdruck von Wertschätzung und echtem Miteinander.“ Abteilungshelferin Rita Hetzmaneder bekräftigt dies. Die Kommunikation mit Bewohner:innen funktioniere meist über Lippenlesen und Gestiken. Falls nötig, würden ihre Kolleg:innen Unterstützung leisten. In ihrem Arbeitsalltag ist Rita dank strukturierter Abläufe jedoch meist nicht auf weitere Abstimmungen im Team angewiesen.
Melanie Lauschke und Esma Bilir-Gök sind ebenfalls gehörlos. Ihr Praktikum verbrachten sie im HB Tokiostraße. „Viele Menschen mit Demenz können oft nicht mehr so wie früher kommunizieren, weswegen es umso wichtiger ist, auf die Feinheiten der Körpersprache und Gestik zu achten“, betonen beide. Genau hier kommt ihre besondere Expertise ins Spiel. Elisabeth Hahn, stellvertretende Pflegedirektorin und Leiterin der Pflegeentwicklung, fügt hinzu: „Gelebte Achtsamkeit, eine offene Haltung und Inklusion gehören zur Kultur- und Wertehaltung des HB. Sowohl für Melanie und Esma als auch für unsere Mitarbeiter:innen war es eine bereichernde Zeit voller Lern- und Lachmomente, geprägt von vielen Aha-Erlebnissen, die unser Verständnis von sozialer Interaktion erweitert haben.“

Gemeinsam Barrieren überwinden
Vieles funktioniert bereits gut, doch für die Zukunft wünscht sich Kenith, dass in der Organisation noch stärker auf inklusive Strukturen und Vielfalt gesetzt wird. Barrierefreiheit soll nicht nur baulich gedacht, sondern auch in der Kommunikation, den Arbeitsabläufen und im Teamverständnis berücksichtigt werden. „Ich möchte, dass gehörlose und hörende Mitarbeitende gleichberechtigt arbeiten können: mit Offenheit, gegenseitigem Lernen und Respekt“, ergänzt er. Neuen gehörlosen Mitarbeitenden rät Kenith, deutlich zu kommunizieren, was sie brauchen, zum Beispiel Blickkontakt, klare Gesten oder schriftliche Informationen. „Nicht alle hörenden Kolleg:innen wissen automatisch, wie sie gut mit gehörlosen Menschen kommunizieren können, doch viele sind offen und lernbereit“, weiß er. „Als gehörlose:r Mitarbeiter:in braucht man oft Mut, sich in einem überwiegend hörenden Umfeld zu zeigen, offen über die eigenen Bedürfnisse zu sprechen und Barrieren zu thematisieren. Das kann manchmal unangenehm sein. Aber genau dieser Mut macht stark.“
Die Erfahrungen von Kenith, Wolfgang, Rita, Melanie und Esma zeigen, wie gelebte Vielfalt und Inklusion im Arbeitsalltag aussehen können: mit Offenheit, gegenseitigem Respekt und der Entschlossenheit, neue Wege zu gehen. Sie machen deutlich: Barrieren können überwunden werden, wenn Menschen bereit sind, voneinander zu lernen und sich aufeinander einzulassen.
Neugierig geworden? In der aktuellen Iris finden Sie weitere Geschichten, Einblicke und Perspektiven aus dem Haus der Barmherzigkeit. Ein Blick hinein lohnt sich.


