Unbequeme Realität: Forschende sehen Gesundheits- und Klimapolitik gefordert
Österreichische Forscher:innen warnen vor steigenden Gesundheitsrisiken durch Hitze und verweisen auf Potenziale für Klimaschutz und ein klimagesundes Altern.
Wien, 30.6.2026 – Nach der bislang stärksten Hitzewelle des Jahres mit erstmals 40 Grad in der Bundeshauptstadt warnen Forschende vor langfristigen Folgen für Gesundheit und Pflege. In einer neuen Sammelpublikation bündeln 40 Wissenschaftler:innen aus 25 Institutionen Erkenntnisse zu den Auswirkungen des Klimawandels auf Gesundheit und Pflegeversorgung. Dabei zeigen sie politischen Handlungsbedarf auf und legen die wissenschaftliche Grundlage für Lösungsansätze, mit denen die Transformation gelingen kann. Die wissenschaftlichen Beiträge erscheinen gesammelt in einem Sonderheft der Fachzeitschrift Das Gesundheitswesen und werden öffentlich digital zugänglich gemacht.
„Extreme Hitzeperioden werden in den kommenden Jahren weiter zunehmen und damit auch die gesundheitlichen Belastungen. Das führt insbesondere bei älteren und chronisch kranken Menschen zu einem erhöhten Risiko für Krankenhausaufnahmen und Sterblichkeit“, so Thomas Dorner, Leiter der Akademie für Altersforschung am Haus der Barmherzigkeit und Forscher für Public Health an der Medizinischen Universität Wien. Das Zusammenspiel von Klimawandel und Bevölkerungsalterung sei laut dem Herausgeber der Sammelpublikation „eine unbequeme Realität, der sich die Politik mit höchster Priorität stellen muss.“ Umso wichtiger sei es, jetzt die Weichen für tiefgreifende Veränderungen zu stellen. So appellieren die Forscher:innen für eine akkordierte Gesundheits- und Klimapolitik, die Klimaschutz, Anpassung, Gesundheitsförderung und Versorgungssicherheit gemeinsam denkt. „Unser Ziel muss es sein, ein klimagesundes Altern unter rasch verändernden Umweltbedingungen zu ermöglichen“, so Dorner.
Wechselseitiger Nutzen: Klimaschutz und ein gesunder Lebensstil
Wird es heiß, gibt es viele kurzfristige Angebote, um den Hitzestress zu lindern. „Neue Hitzerekorde aber werden schon in den nächsten Jahren, manchmal sogar in den nächsten Tagen, gebrochen“, betont Willi Haas, Forscher am Institut für Soziale Ökologie der Universität für Bodenkultur Wien und an der Medizinischen Universität Wien. Der Klimawandel führt langfristig zu immer häufigeren und extremeren Hitzeereignissen in einer alternden Gesellschaft. „Die derzeitige Hitzeperiode über Europa könnte ein Weckruf sein“, so Haas.
Die Reduktion der nach wie vor hohen Treibhausgasemissionen müsse ein zentrales Ziel bleiben. „Veränderungen im Alltag in den Bereichen aktive Mobilität und Freizeitgestaltung, Ernährung sowie Wohnen können sowohl der Gesundheit als auch dem Klima zugutekommen“, so Haas. Beispielsweise hat eine klimagesunde Ernährung nicht einmal den halben Karbonfußabdruck wie die derzeitige durchschnittliche Ernährung in Österreich. Sanierte Gebäude, Naherholungsräume und Grünflächen mit Bäumen reduzieren den Hitzestress. Und ein aktiver Lebensstil ist mit weniger Krankenhausaufenthalten verbunden. „Es braucht jedoch politische Rahmenbedingungen, damit individuelles Hinwenden zu klimagesunden Lebensstilen zum neuen Normal wird“, unterstreicht Haas.
Der derzeit enggeführte Fokus auf Hitzewellen greift angesichts der alternden Gesellschaft und des fortschreitenden Klimawandels jedoch laut dem Forscher zu kurz: „Eine zukunftsorientierte integrierte Klima- und Gesundheitspolitik, die rasch ins Handeln kommt, kann langfristig für ein klimagesundes Altwerden sorgen. Das spart Treibhausgasemissionen und entlastet gleichzeitig das angespannte Gesundheitsbudget“, so Haas abschließend.
Auswirkung der Hitze auf Pflege und pflegende Angehörige
„Pflegende Angehörige sind durch den Klimawandel besonders gefordert. Sie leisten rund 80 Prozent der unbezahlten Pflege- und Betreuungsarbeit für Angehörige, Nachbar:innen und Freund:innen in Österreich, sind aber häufig von sozialer Isolation und psychischen Belastungen massiv betroffen“, so Andrea Schmidt, Gesundheitsökonomin am Kompetenzzentrum Klima und Gesundheit der Gesundheit Österreich. „Das Zusammendenken von Gesundheitsförderung und ökologischen Aspekten bietet hier zahlreiche Potenziale: Wie können Wege im Alltag für pflegende Angehörige verkürzt werden? Wie kann aktive Mobilität trotz Verantwortung für pflegebedürftige Angehörige gelingen?“, so Schmidt weiter.
Als möglichen Lösungsansatz hebt Schmidt in der Studie „Sozio-technische Lösung für ein gesundes und klimakompetentes Leben pflegender Angehöriger in Caring Communities“ neben technischen und strukturellen Maßnahmen insbesondere die Bedeutung des sozialen Miteinanders hervor: Wer denkt bei Hochwasser an mich? Wie können besonders gefährdete Menschen bei Hitzewellen identifiziert werden? Diese Fragen seien laut der Gesundheitsökonomin entscheidend. „Wenn Nachbarschaften und Gemeinden füreinander Sorge tragen, profitieren nicht nur pflegebedürftige Menschen, sondern auch pflegende Angehörige“, so Schmidt. Darüber hinaus braucht es im gesamten Bereich der Langzeitpflege und -betreuung strukturelle Maßnahmen, die die Versorgungsqualität unter Berücksichtigung ökologischer Nachhaltigkeit stärken und gleichzeitig Arbeitsbedingungen verbessern.
Regelmäßige Bewegung als Hitzeschutz
„Regelmäßige Bewegung kann dazu beitragen, die Belastungen durch zunehmende Hitze besser zu bewältigen und die Gesundheit langfristig zu erhalten“, unterstreicht Thomas Dorner. Körperlich aktive Menschen verfügen über größere funktionelle und physiologische Reserven und können die Belastungen extremer Temperaturen besser bewältigen. „Bewegung verbessert die Herz-Kreislauf-Leistungsfähigkeit, unterstützt die Thermoregulation und hilft dem Körper, Wärme effizienter abzugeben. Dadurch steigt die Widerstandsfähigkeit gegenüber Hitzestress“, so Dorner. Gleichzeitig wirkt regelmäßige körperliche Aktivität den wichtigsten gesundheitlichen Risikofaktoren entgegen, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes.
Besonders bei älteren Menschen sei es daher wichtig, auch während Hitzeperioden aktiv zu bleiben. „Die zentrale Botschaft lautet nicht weniger Bewegung, sondern angepasste Bewegung“, betont Dorner. Ein völliger Verzicht auf körperliche Aktivität könne bereits nach kurzer Zeit zu einem Verlust von Muskelkraft, Ausdauer und Mobilität führen. Im Rahmen des Forschungsprojekts KliMate wurden deshalb erstmals evidenzbasierte Empfehlungen entwickelt, wie ältere Menschen auch bei hohen Temperaturen sicher in Bewegung bleiben können. „Wer seine körperliche Aktivität aufrechterhält, stärkt nicht nur Gesundheit und Selbstständigkeit, sondern fördert auch soziale Teilhabe und schützt sich vor Gebrechlichkeit und Pflegebedürftigkeit. Bewegung wird damit selbst zu einer wichtigen Maßnahme der Klimaanpassung“, so Dorner.
Weitere Bilder in der APA-Fotogalerie
vlnr.: Univ.-Prof. Dr. Thomas Dorner, MPH (Medizinische Universität Wien und Leiter der Akademie für Altersforschung am Haus der Barmherzigkeit), Mag.a Dr.in Andrea Schmidt, MSc. (Abt. Klimaresilienz und One Health, Kompetenzzentrum Klima und Gesundheit, Gesundheit Österreich), Priv.-Doz. Dipl.-Ing. Dr. Willi Haas (Institut für Soziale Ökologie - Universität für Bodenkultur Wien)



